Nur Muttis Smartphone bleibt stumm

Wer in das digitale Web 2.0 Zeitalter hineingeboren wurde, der kennt alles von der Pike auf: iPhone, iPad, Bluray, Internet, Digicam und vieles mehr. Dementsprechend versiert gehen schon die Kleinsten mit der Technik um und lassen Mittvierziger-Eltern schon mal alt aussehen. Doch wenn die kleinen 'Digital Natives' auf antiquierte Technik treffen, hat Analog-Papi kurzzeitig die Nase vorn.

Tonträger pfui, Datenträger hui

Mit Tonträgern kennt sich unsere vierjährige Tochter bestens aus. Nein, das ist nicht ganz korrekt. Besser: Sie kennt sich mit digitalen Datenträgern sehr gut aus. "Papa, kann ich Deefaudee?" lautet die Standardfrage, wenn ihr der Sinn mal wieder nach einer Folge Pippi Langstrumpf steht, natürlich digitally remastered in DVD Qualität. Noch bevor ich antworten kann, hat sie die 5er DVD-Box bereits auf einen knappen Meter ausgeklappt und deutet mit dem Finger auf exakt jene Scheibe, auf der sich die bevorzugte Wunschfolge befindet. Um Tatsachen zu schaffen, hat sie vor der Frage schon mal einiges vorbereitet: zentraler Netzschalter an, Verstärker an, Bluray-Player an und Schlitten ausgefahren. "Bist Du verwundert, wie toll ich das mache?", fragt sie nicht ohne Stolz, obwohl ich ihr den Hifi-Schrank für tabu erklärt habe.

Analog-Eltern treffen auf ihre Web 2.0 Kiddies - viel Vergnügen.
Analog-Eltern treffen auf ihre Web 2.0 Kiddies - viel Vergnügen.

Wenn eine Bandcassette länger spult, ist sie vermutlich kaputt

Stapelweise Musik- und Hörspiel-CDs gehören zum Standard im Kinderzimmer und werden bereits fachmännisch in den von der großen Schwester längst ausgemusterten CD-/Cassetten-Rekorder eingelegt ("Ich mach das!"). Nachdem alle CDs monatelang rauf- und runtergenudelt und dementsprechnd öde geworden sind, kommt Analog-Papa eine tolle Idee: Die alten Cassetten der großen Schwester versprechen frische Unterhaltung! Die Keller-Karton-Supply-Chain liefert schnurstracks das etwas vertaubte Kulturgut zutage. Papa legt eine Bibbi Blocksberg Cassette ein, die aber stumm bleibt. Analog-Papa weiß noch, woran das liegt und spult Seite A erstmal per 'Reverse' an den Anfang zurück. Das Spulgeräusch kommt der Kleinen wenig vertraut, dafür aber umso verdächtiger vor: irgendwie leiert es und es dauert viel zu lang. Das kann nicht gesund sein, denn CDs starten schließlich auch sofort und das auch noch geräuschlos. Meine Tochter hat aber längst ihre eigene Interpretation und den Schuldigen ausgemacht: "Jetzt hast Du die Bibbi Blocksberg kaputt gemacht!"

Alles ist für die Wunschfolge Pippi arrangiert
Alles ist für die Wunschfolge Pippi arrangiert

"Haben die Leute früher Schwarz-Weiß angehabt?"

"Papi, erzählst Du mir mal, wo Du vier warst?" werde ich neulich gefragt. Sie will also Geschichten aus meiner eigenen Kindheit hören. Sowas liebt sie. Weil Papi auf Anhieb nichts einfällt, holt er ein altes Fotoalbum. Die ersten Bilder von Klein-Papi und Papis Eltern sind schwarz-weiß. Schwarz-weiß Fotografien scheinen sie zu irritieren:

"Haben die Leute schwarz-weiß angehabt?" fragt sie mich ganz im Ernst, und es klingt, als ob sie das für einen längst vergangenen Modetrend hält. Doch es geht noch weiter:

"Haben sich die Leute im Gesicht so angemalt?" Nein, wir haben uns damals nicht alle Asche über die Häupter gestreut, lache ich vor mich hin und versuche meiner Web 2.0 Tochter die schwarz-weiß Fotografie zu erklären. Das scheint nicht zu fruchten, denn der nächste Hammer kommt postwendend: "Sahen die früher alle so aus?"

Nur bei Mama bleibt das Smartphone stumm

Was wäre unser Leben ohne Smartphones? Eines jedenfalls wäre anders: Die Küchentheke wäre für das zu gebrauchen, für was sie ursprünglich geplant wurde. Jetzt aber bevölkern mehrere Geräte den Platz, wo man mal essen wollte und fiepen regelmäßig vor sich hin. Bei Papi ist es das Apple Standard 'Pling', bei der großen Tochter wohl irgendein 'What's App?' oder facebook Sound. Nur Mamis Handy bleibt stumm. Sie hat es noch nicht hinbekommen, ihre E-Mails auf das Smartphone zu synchronisieren.

Bei soviel Zeremoniell kann das kleinste Fräulein der Familie jedoch nicht außen vor bleiben. Sie hat uns solange zugesetzt, bis wir ihr ein ausgemustertes Nokia überantwortet haben - natürlich ohne SIM-Karte, dafür muss es aber regelmäßig aufgeladen werden. Der Rest der Familie macht das ja schließlich auch. 

Lauras Stern on demand

Ach waren das noch besinnliche Zeiten, als ich unserer Tochter sämtliche Lauras Stern Bücher vorlesen musste. Die Dinge waren klar geregelt: Lauras Stern Geschichten gab es nur am Abend, vor dem Einschlafen, und das in Buchform. Doch irgendwann kamen Lauras Stern Folgen auch auf KiKa im TV. 18.15 Uhr, um genau zu sein. Das war dann eine ähnlich unverrückbare Uhrzeit, wie Papis Tagesschau um acht. Als KiKa mit allen Folgen durch war, zog der Terror ein. "Ich will Laura" heult Fräulein in schauerlich-theatralischem Crescendo durchs ganze Haus und Tränensturzbäche ergießen sich. Das hält Analog-Papa nicht lange aus und er begeht einen schwerwiegenden Fehler: Er googelt 'Lauras Stern Video' und landet auf Youtube. Hier sind alle Laura-Folgen abrufbar. Anytime. Das merkt auch eine Vierjährige schnell und ist vom Laptop nicht mehr wegzukriegen. Seit sie weiß, dass es jede Folge Lauras Stern on demand gibt, gibt es jetzt ein neues Ritual: Wenn wir sie ans Bettgehen erinnern, sagt sie: "Kann ich Laura? Dann putz' ich Zähne ohne Gemotze!"

Siri nach Einhörnern befragen

Alle iGeräte üben reichlich Faszination aus. Wenn schon die Hälfte aller Erwachsenen dauernd damit spielt, muss das ja Spass machen. Wie man auf dem iPad Dinge in Bewegung setzt hat Madame schnell raus. Wird zu ungestüm auf dem Display herumgewischt muss Papa ermahnen. "Ich will halt manche Sachen erleben, was da so geht!", schallt es zurück. Wenn man dann noch entdeckt, dass eine Frauenstimme namens Siri Antworten auf Fragen gibt, ist klar, was Fräulein wissen will: "Wo gibt es Einhörner?". Siri versteht "Wo gibt es einen Hammer?" und listet alle 15 Baumärkte in der Nähe auf. Also auf zum Baumarkt, ein Einhorn kaufen.

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