Von Wellness, Wasser und Weltpolitik

Es ist Hochsommer. Die Jahreszeit, der unser Zwerg schon seit der ersten Schneeschmelze entgegenfiebert. "Ist jetzt Hochsommer?" war ihre Standardfrage der letzten Monate immer dann, wenn sich die Sonne zeigte. Der Hochsommer muss für sie etwas Magisches an sich haben. Sommer ohne 'Hoch' geht gar nicht. Da schwingt durchaus meteorologische Logik mit.  

Banküberfall mit Badesachen

An einem besonders heißen Tag will Papi den Zwerg überraschen und ihr genau jenes hochsommerliche Gefühl geben, das eine glückliche Kindheit auszumachen scheint. Papa hat sämtliche Badesachen zusammengepackt und holt sie vom Kindergarten ab, um am See Planschen zu gehen. "Yipiiehh!" freut sich Fräulein Hochsommer ausgelassen, um mich aber gleich mit überaus geschäftiger Miene ins Verhör zu nehmen:

 

"Wo hast Du die Badesachen?", fragt sie skeptisch.

"Im Auto", sage ich wahrheitsgemäß.

"Hast Du meinen Bikini dabei?", erkundigt sie sich durchaus misstrauisch.

"Yep, Bikini ist dabei", antworte ich nicht ohne Stolz.

"Und mein Hello Kitty Handtuch?"

"Ja, auch Dein Hello Kitty Handtuch", versichere ich.

"Meine Schwimmflügel?"

"Auch die Schwimmflügel", bestätige ich.

"Und meine Taucherbrille?"

"Taucherbrille", gebe ich knapp zurück.

"Mein Schwimmbrett?"

"Schwimmbrett", brumme ich.

"Die Luftmatratze?"

"Ja, auch die Luftmatratze", sage ich ungläubig seufzend über mein eigenes Organisationstalent.

Atmosphärisch hat der Dialog mittlerweile ohnehin etwas von einem geplanten Banküberfall, bei dem der Meisterdieb sicherstellt, ob sein Adjutant das bestellte Equipment auch korrekt und vollständig beschafft hat. Im Auto eingestiegen will Klein Jaqueline Custeau ihre Schwimm- und Taucherausrüstung höchstselbst auf Vollständigkeit überprüfen. Nur mit Mühe und dem Verweis auf die Gluthitze im Auto kann ich sie davon überzeugen, dass sie ihrem Badeassistenten das Vertrauen ausspricht und auf die Inspektion im Kofferraum verzichtet.

Herbes Muffel-Elixier fürs ewige Leben

"Papa, Du bekommst jetzt Tschawuhs!", kündigt sie mir neulich an. Papa versteht nur Bahnhof. Der kleine Wellness-Experte hat sich soeben aus dem Kräuterbeet im Garten ein paar Salbei-Blätter abgezupft und diese im Bad mit Flüssigseife vermengt. Fertig ist das Wellness-Elixier Tschawuhs, ihre erste Eigenmarke, mit dem sie erst sich selbst eingerieben und jetzt mich für weitere dermatologische Tests auserkoren hat. "Wenn Du Dich damit einreibst, lebst Du ewig. Des hilft, wenn man groß und nah am Sterben ist", orakelt der Zwerg. Ich muss schlucken und denke mir 'her mit der Wunderessenz'. Schon werde ich mit den rauhen, seifig-schleimigen Salbeiblättern eingerieben. Ich erkundige mich sicherheitshalber nochmal nach der Wirkung von Tschawuhs. "So riechst Du wie eine Prinzessin", bekomme ich versichert. "Oder wie ein Prinzessinnen-Mann", setzt sie nach und ich bin etwas beruhigter. "So, ein wenig noch das Ohr polieren...fertig!", flötet sie zufrieden und ich habe meine SPA-Behandlung hinter mir. 

Endlich wie ein uralter Prinzessinen-Mann riechen: mit Tschawuhs!
Endlich wie ein uralter Prinzessinen-Mann riechen: mit Tschawuhs!

Haareziepen zwischen Merkel und Mursi

Seit einiger Zeit erinnert sie mich regelmäßig an die Nachrichten: "Papi, Tagesschau nicht vergessen!" sagt sie dann. Das rührt von Dreierlei her: Erstens: Tagesschau um acht ist ein Ritual, das sie mittlerweile verinnerlicht hat. Zweitens: es macht höllisch Spaß, Papi die Sicht auf die Tagesschau mit allerlei Turnübungen und Gehampel zu verstellen. Und drittens: Das Zubettgehen lässt sich noch um wenigstens 15 Minuten hinauszögern.

 

Pünktlich zum 20-Uhr-Gong der Nachrichten hopst sie auf meinen Schoß und fängt an mich an ein paar Haaren zu ziehen. "Tut das weh?" fragt sie scheinheilig. "Nein", sage ich unbeeindruckt und versuche an ihrem Kopf vorbei wenigstens einen Blick auf den Hauptaufmacher zu erhaschen. "Tut das weh?", fragt sie, und hat schon einen anderen Haarbüschel in der Hand, an dem spürbar fester gezogen wird. Ich versuche der Weltpolitik zu folgen und reagiere nicht weiter. Plötzlich durchzuckt mich ein deutlich vernehmbarer Schmerz eines Haarbüschels, das vermutlich kurz davor ist, meinen Kopf für immer und ewig zu verlassen. "Aua, das tu weh!" schreie ich unvermittelt auf. Darauf bekomme ich ein entrüstetes "Ich mach nur 'ne Probe! Ein richtiger Mann hält das länger aus!" serviert. Das sitzt.

 

Währenddessen ist in den Nachrichten Ägypten dran. "Warum muss der Mursi da weg?" will sie wissen. Weltpolitik zu verstehen ist die eine Sache, denke ich mir, sie einer Vierjährigen zu erklären eine ganz andere. Viele Politiker sind ihr bereits ein Begriff. Und so mancher hat auch schon sein Image weg: Auf Angela Merkel ist sie nicht gut zu sprechen. "Oochh, die Merkel schon wieder", meckert sie fachmännisch auf höchstem Stammtischniveau, sobald Frau Bundeskanzlerin in Erscheinung tritt.

Gute Nacht, Frau Nachrichtensprecherin!

Der Wetterbericht ist dran. Sobald der Wettermann "Von Westen her..." sagt, was ja wetterbedingt fast immer der Fall ist, fragt sie: "Papa, sind wir Westen?". Ich erkläre ihr die Himmelsrichtungen. Das ist reichlich abstrakt und so wichtig nun auch wieder nicht, findet sie. Bei der Abmoderation der Nachrichtensprecherin rennt der Zwerg zum Bildschirm, umarmt Judith Rakers symbolisch mit beiden Armen und sagt "Gute Nacht!". Gut, dass sie das noch nicht bei einem Nachrichtensprecher gemacht hat, denke ich mir. "Jetzt aber ab ins Bett!" ermahne ich sie gespielt streng. Sie rennt los, was das Zeug hält und ruft "Den letzten beißen Hunde!". 

 

Beim kurzen Abbrausen durch Mama wird massiv gezickt. Wehe, die Haare werden nass oder Wasser kommt ins Gesicht. "Duschen ist nicht gut für mich", höre ich unsere Hollywood-Diva sagen, die beim Baden nicht aus dem Wasser zu bekommen ist. "Ich kann erst selber duschen, wenn ich 18 bin!", postuliert sie überzeugt. Mamis und Papis Rücken durchzuckt ein Phantomschmerz in Erwartung der nächsten 14 Jahre.

Wo bitte geht's zur Pediküre?

Nach dem Duschen begutachtet Mami ihre Tochter. "Wir müssen bei Dir mal wieder Pediküre machen", murmelt Mama vor sich hin, als sie der gar nicht prinzessinhaften Fußnägel des Teufelsbratens gewahr wird. Was das genau bedeutet weiß die Drama-Queen noch nicht so richtig einzuschätzen, aber es klingt in ihren Ohren eher nicht nach einem Besuch im Funpark. Die Reaktion kommt postwendend: "Nein, da komm' ich nicht mit!", macht sie ultimativ klar.  

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